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Arbeitswelt und Behinderung: Wert des Menschen liegt im Menschsein, nicht in Leistung

Wie ist die Arbeitswelt für Menschen mit Behinderung gestaltet und wie kann diese optimiert werden? Dieser wichtigen Frage ging die Katholische ArbeiterInnenbewegung  (KAB) der Diözese St. Pölten bei einem Studientag im Pfarrzentrum der Amstettner Pfarre St. Marien nach. Neben renommierten Experten nahmen daran viele Betroffene und deren Angehörige teil. Die Betroffenen berichteten, dass zuerst auf ihre Handicaps statt auf Kompetenzen geschaut würde und dass es für alle Menschen in der Arbeitswelt großen Leistungsdruck gebe. Manche zeigten sich enttäuscht darüber, dass ihre Behinderungen oder Krankheiten fälschlicherweise als ansteckend angesehen würden.

„Der Mensch zählt in der Leistungsgesellschaft nicht viel, der behinderte Mensch noch weniger“, kritisierte der bekannte Amstettner „Arbeiterpriester“ und Betriebsseelsorge Franz Sieder. Menschen mit Behinderung würden vielfach als Belastung erachtet und seien nicht voll in die Gesellschaft integriert.

Als Beispiel nannte Sieder Abtreibungen: Erkenne man einen „Defekt“, könne bis zur Geburt abgetrieben werden. Trotzdem sei in den letzten Jahren viel Positives geschehen, etwa beim Thema Barrierefreiheit. Behinderung sei nicht gottgewollt oder eine Strafe und niemand habe daran schuld, das habe auch Jesus festgestellt. Aus Sieders Sicht würden wir noch in einer unvollkommenen Welt leben. Für Gott seien Menschen mit Behinderung keine Menschen zweiter Klasse, alle hätten aus kirchlicher Sicht die gleiche Würde. Der Wert des Menschen liege nicht in seiner Leistung, sondern schlicht in seinem Sein, bzw. in der Fähigkeit zu lieben. Sieder schließt sich der Forderung an, dass alle in der „normalen Welt“ integriert werden: dass Menschen mit Behinderung also nicht in speziellen Werkstätten oder Schulen weggesperrt werden, sondern mit Menschen ohne Behinderung zusammenarbeiten. Der katholische Priester: „Ohne Gleichheit aller Menschen mit und ohne Behinderung gibt es keine gerechte Gesellschaft.“
Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt: viele Akteure einbeziehen

SPÖ-Behindertensprecherin Ulrike Königsberger-Ludwig würdigte die Veranstaltung der Katholischen Arbeitnehmer/innenbewegung und anderer Organisation: „Es braucht solche Veranstaltungen, um das Thema in die Mitte der Gesellschaft hereinzuholen, das ist wichtig für die Bewusstseinsbildung.“ Sie schloss sich dem Ansinnen Franz Sieders an: „Menschen sollen am Menschsein gemessen werden, nicht an Leistung.“ Die Politik könne hier nicht einfach ein Umdenken verordnen, ein solches Leistungsdenken beginne schon im Kindergarten und in der Schule. Für das Thema Behinderung und Jobs sowie Arbeitswelt brauche es möglichst viele Akteure, die kooperieren – gerade auch die Wirtschaft. Die Politik könne weiters nur den Rahmen schaffen, aber nicht alle Probleme lösen.  Sie appellierte für ein Umdenken: Von der Defizitorientierung hin zur Kompetenzorientierung bei Menschen. Sie wisse freilich, dass auch Menschen ohne Behinderung heute einem enormen Leistungsdruck in der Arbeitswelt ausgesetzt seien. Königsberger-Ludwig verwies auf das große „Sozialkapital“, das Betriebe mit der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung hereinholen würden. Sie wünsche sich, dass mehr Zuständigkeiten an den Bund gingen, weil es derzeit einen Kompetenzdschungel gebe, in dem es oft schwer sei, sich zurechtzufinden. So brauche es viele Player für die Änderung, Menschen mit Behinderung echten Lohn statt Taschengeld zu geben. Hier sei noch viel Fürsorgedenken statt dem Schema der Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung vorhanden. Königsberger-Ludwig: „Menschen mit Behinderung sollen in allen Lebensbereichen selbstbestimmt leben können.“

Das Thema Arbeit und Behinderung beschäftige die Unternehmen schon lange, so Wirtschaftskammer-Vertreter Andreas Geierlehner. So viel Unterstützung für Betroffene und Unternehmen habe es staatlicherseits noch nie gegeben. Dennoch würden sich viele Betriebe noch immer schwer damit tun, Menschen mit Behinderung einzustellen. Geierlehner sieht bereits eine Industrie 4.0 im Kommen. Nach der Dampfmaschine, der Mechanisierung und der EDV stehe die Digitalisierung der Produktionsabläufe an. Damit würden sich die Arbeitsplätze drastisch ändern, viele Arbeitsplätze an Maschinen würden wegfallen, was auch Menschen mit Behinderung treffen könne. Für viele Unternehmen, die auch in großer globaler Konkurrenz stünden, seien Menschen mit Behinderung eine Frage der Leistbarkeit und der Finanzierbarkeit. Geierlehner sagte, dass zwar nur zwischen 30 und 40 Prozent der einstellungspflichtigen niederösterreichischen Betriebe, also jene ab einer Mindestgröße von 25 Angestellten, Menschen mit Behinderung einstellen würden. Gleichzeitig seien viele aber sehr sozial eingestellt und würden viel im Bereich Sponsoring tun. Der Vater eines behinderten Kindes appellierte weiters, Menschen mit Behinderung dazu zu ermutigen, selbst Unternehmer zu sein. Denn: „Wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft und jede und jeder hat Fähigkeiten und Talente.“

Foto der ReferentInnen beim Studientag "Arbeitswelt für Menschen mit Behinderung"
Stärken stärken, um mit Schwächen leben zu können
Anton Diestelberger berichtete als Vater eines autistischen Sohnes von den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung. Der Amstettner Pädagoge gründete mit anderen Eltern zwei Tagesstätten in Wien für 40 Personen. Ziel sei es gewesen, etwas zu schaffen, das ihren Kindern entspreche. Um mit Menschen richtig umzugehen, die autistisch sind, brauche es einen Perspektivenwechsel und man müsse Schritt für Schritt in deren Welt eindringen: „Sie hören, aber sie hören anders; sie sehen, aber sie sehen anders usw.“, so Diestelberger. Rund ein Prozent eines Jahrganges sei davon betroffen, insgesamt schätze man die Zahl auf 50 bis 80.000 Österreicher, vor 40 Jahren sei das Thema Autismus gar nicht bekannt gewesen. Mit den Tagesstätten wollten die Eltern etwas schaffen, das ihren Kindern entspreche. Es ginge dabei um Stärkenperspektiven und nicht darum, auf Defizite zu schauen. Die Stärken von Menschen mit Behinderung sollten gestärkt werden, um mit den Schwächen leben zu können. Diestelberger betonte, dass Arbeit ein Teil der Menschenwürde und der Menschenrechte sei. Oberste Prämisse müsse es sein, Menschen ein menschwürdiges Leben zu ermöglichen. Unter anderem brauche es für Menschen mit Behinderung ein stufenförmiges Modell sowie ein umfangreiches Angebot beim Zugang zum so genannten ersten Arbeitsmarkt: Sie müssten vorsichtig und behutsam in die Gesellschaft integriert werden. Der Pädagoge berichtete dabei vom langwierigen Kampf um finanzielle Mittel.

Bei Unternehmen bei Kopf und Herz ansetzen
Laut Michael Svoboda, Präsident des Österreichischen Behindertenverbandes, würden sich rund 15 Prozent der Bevölkerung dabei beeinträchtigt fühlen, ihr Leben zu führen. Das seien bis zu 1,7 Millionen Österreicher. Oft gebe es Scheu und Angst, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen: etwa aufgrund von „Schauermärchen“, diese seien unkündbar. Bei Unternehmen solle bei Kopf und Herz angesetzt werden, statt bei Sanktionen. Angst könne genommen werden, indem etwa beim Bürokratiedschungel geholfen oder besser auf die vielfältigen Förderungen aufmerksam gemacht werde. Svoboda will, dass transparente, leicht zugängliche Unterstützungsstrukturen geschaffen werden. Es gebe einen regelrechten Wust an Zuständigkeiten, etwa bei der medizinischen Rehabilitation. Menschen mit Behinderung sollten weiters nicht nur darauf warten, dass andere etwas für sie tun, sondern sie sollten den Mut haben, selbst etwas einzufordern. Bewusstseinsbildung liege bei jedem Einzelnen und sei ein Erziehungsprozess. Dieser Studientag habe dazu gedient, Optimismus für Menschen mit Behinderung zu bringen.

Neben der Katholischen ArbeiterInnenbewegung waren die Katholische Aktion, die Caritas, die Betriebsseelsorge, der ÖGB, die Arbeiterkammer und die Wirtschaftskammer Mitveranstalter des Studientages „Arbeitswelt für Menschen mit Behinderung“. Für die Verpflegung sorgte der SOMA-Markt Amstetten.